Bin mit dem Buch „On Writing“ von Stephen King durch. Es war ein Genuss und bei einigen Punkten, die er beschrieben hat, hätte ich ihn glatt abknutschen können.
Abgesehen davon, dass der Mann einen sehr trockenen Humor hat (der verständlicherweise in seinen Büchern nicht unbedingt durchkommt), hat er mir vor allem in einem wichtigen Punkt unschätzbar die Seele erleichtert:
PLOT.
Als ich vor Jahren James N. Freys Buch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ gelesen habe, bin ich schier verzweifelt. Frey ist der Überzeugung, man müsse den Plot vorher komplett stehen haben, jede Figur müsse feststehen. Am besten, sagte er, schreiben Sie für jede Ihre Figuren eine Lebensgeschichte. Dann kennen Sie sie gut und sie wird lebendig.
Sicher, gegen dieser letzte Punkt klingt sinnvoll. Man sollte die „backstory“ seiner Figuren natürlich kennen, um zu wissen, warum und wie sie in bestimmten Situationen reagieren. Aber ganze Lebensläufe? Ich habe mich damals schon schwer getan damit.
Und der Plot: alles vorher genau festlegen, die Kapitel festlegen und was von der Geschichte in welchem Kapitel spielen soll – und dann losschreiben, das rät Frey.
Ich habe damals vor lauter Verzweiflung mein ganzes Romangedöns in die Schublade gepackt, weil ich glaubte, ich sei nicht fähig, einen Roman zu schreiben.
Weil meine Figuren sich selbständig machten, ich mit ihnen stritt und kämpfte, und nur ganz grob eine Ahnung hatte, wie und wo der Roman enden sollte. Aber dazwischen? Einer der Söhne meiner Hauptfigur zum Beispiel, im ganz Geheimen mein Liebling, hat eines Tages beschlossen, dass er das alles ganz anders sieht als ich und sich bewusst in eine Situation bringt, in der der sterben wird.
Ich habe mit ihm argumentiert, gestritten, ich habe um diesen Jungen Rotz und Wasser geheult, aber: er wird sterben, ja. Der Roman ist noch nicht geschrieben und ich trauere um ihn. Ist aber so, fertig. Er ist eine Figur mit einem eigenen Leben und einem eigenen Kopf und nur weil ich ihn ins Leben gerufen habe, kann ich mit ihm nicht machen, was ich will. Und mit den anderen auch nicht, bitte schön.
Das, lieber Herr Frey, hatte ich nicht so geplant in meinem tollen Versucht, den Plot festzulegen und die Kapitel im voraus einzuteilen. Und bei mir klappt ihre Methode nicht, sorry. Ich hatte ja hier schon geschrieben, dass mir das Buch zu analytisch ist.
Stephen King (sagte ich, dass ich ihn knutschen könnte?) sagt, bei ihm entwickelt sich der Plot mit dem Schreiben. Er hat eine Idee für eine Geschichte, er setzt sich hin und schreibt. Der Rest kommt. Irgendwann erwacht er aus seinem Schreibrausch und da steht eine Geschichte. Die tut er erstmal für mindestens sechs Wochen, besser für länger, in die Schublade und, wichtig: er fängt sofort ein neues Projekt an, das möglichst gaaaaanz weit entfernt von dem bisherigen ist.
Irgendwann, wenn er innerlich Abstand hat, holt er das erste Manuskript raus und dann beginnt das Revidieren und Kürzen. Seine Formel dafür, die ich ebenfalls für sehr hilfreich halte:
erster Entwurf – 10% = zweiter Entwurf.
Ich bin unglaublich froh, dass ich auf dieses Buch gestoßen bin, es hat vieles für mich geklärt und mich sehr ermutigt, weil ich sehe, dass man durchaus auf meine Weise schreiben kann.
Das Buch enthält noch mehr Schätze für mich, aber das war das Wichtigste.